Powerlifterin Lea Schreiner im Interview

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Der Slogan „Strong is the new skinny!“ wird bereits seit längerem über das Internet verbreitet. Frauen sollen damit motiviert werden, sich nicht nur auf ein Wunschgewicht runterzuhungern, sondern über das Kräftigen ihrer Muskeln an ihrem Körper zu arbeiten. Das gezielte Ausüben eines wettkampforientierten Kraftsportes ist bis heute aber dennoch eine Seltenheit. Eine Ausnahme, die nicht nur Erfahrungen im Gewichtheben sammelte, sondern inzwischen auch international im Powerlifting Wettkämpfe bestreitet, ist Lea Schreiner. Die 27-jährige Kraftdreikämpferin stellte sich für ein Interview zur Verfügung.

Lea Schreiners Weg zum Powerlifting

F: Hallo Lea, vielen Dank für deine Zeit. Angenommen, wir würden uns auf einer Party ohne direkten Bezug zum Powerlifting oder anderen Bereichen deines Lebens treffen. Wie würdest du dich vorstellen?

Bin selten auf Parties zu sehen, aber meistens kennen mich die Leute bereits. Komme eher so ins Gespräch, als dass ich direkt Leute anspreche. Ich versuche aber, wenn es dann doch dazu kommt, den Kraftsport außen vor zu lassen und viel mehr über andere Dinge zu erzählen, sonst laufe ich die Gefahr, nach meinem Bizepsumfang gefragt zu werden oder zum Beispiel Trainingstipps.

F: Viele junge Männer, die den Weg zum Bodybuilding und Kraftsport fanden, hatten in ihrer Jugend Fußball gespielt. Hier gibt es eine Überschneidung zu deiner sportlichen Biographie. Wie kam man als Jugendliche auf die Idee, gegen den Ball zu treten? Frauenfußball war damals sicher noch nicht medial so präsent, wie es heutzutage der Fall ist.

Ich kam durch die WM 2006 mit Fußball in Berührung. Da war ich gerade einmal 11 Jahre alt, aber sofort begeistert. Was eine Sportart oder einzelne Sportler bewegen können, hat mir imponiert. Man konnte stolz sein, Deutsche zu sein. Tatsächlich war das ein unvergesslicher Sommer. Für länger als 90 Minuten hatte man das Gefühl zu wissen, dass das gesamte Land vereint ist.

Frauenfußball ist heutzutage etwas mehr in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt, aber spielte damals eine noch viel kleinere und untergeordnete Rolle. Es gab in meinem Umkreis beispielsweise keine Jugendmannschaften für Mädchen, weshalb ich mit den Jungs spielte.

Sport in den USA

F: Wer sich über dich informiert, wird schnell mitbekommen, dass du nach dem Abitur in den USA warst und das Jahr als Au pair einen nachhaltigen Einfluss auf deinen sportlichen Weg hatte. Wie würdest du die Zeit rückblickend beschreiben?

Die Zeit in den USA war sehr wertvoll. Nur so konnte ich den Weg zum Kraftsport finden. Anders als in Deutschland wurde man in den USA nicht belächelt oder ausgelacht, wenn man als Frau Kraftsport ausübte oder dies machen wollte. In Deutschland war die Reaktion meistens: “Warum machst du das, als Frau?”. Während meiner Zeit als Au pair machte ich in den USA deutlich positivere Erfahrungen, was natürlich auch ermutigte, den Sport zu verfolgen.

F: Hat Sport in den USA in deiner Wahrnehmung einen anderen Stellenwert als in Deutschland?

Die US-Amerikaner haben einen ganz anderen Bezug zum Kraftsport. In Deutschland wird schwerer Krafttraining immer noch häufig als Sportart nicht ernstgenommen oder sogar als ungesund angesehen.

Die verschiedenen Sichtweisen mögen auch darin begründete sein, dass in den USA beliebte Sportarten wie American Football, Basketball oder Baseball eng mit ergänzendem Krafttraining verbunden sind. In der deutschen Volksportart Nummer 1, dem Fußball, hat sich vor allem dank Jürgen Klinsmann zwar einiges verbessert, was ich nur befürworten kann. Der Stellenwert ist im Vergleich zu den USA aber bis heute ein anderer.

Der familiäre Background von Lea Schreiner

F: Deine Eltern sind Marathonläufer und beim Fußball wird sich ebenfalls viel auf dem Feld bewegt. Für manch Powerlifter ist das Scheibenstecken dagegen schon mehr Cardiotraining, als denjenigen lieb wäre. Mit einem Blick schaust du auf Ausdauersport und wie nehmen deine Eltern als Ausdauersportler deine Powerliftingkarriere wahr?

Meine Mutter habe ich tatsächlich mit dem Kraftsport angesteckt. Sie trainiert regelmäßig und war zu DDR Zeiten Leistungssportlerin im Handball. Bei der letzten DM war sie auch live dabei und hat mich vor Ort laut angefeuert. Ich höre sie jetzt noch: LEA, LEA, LEA!

Ich selbst stehe mit dem Cardiotraining auch gar nicht so auf dem Kriegsfuß, wie man es denken könnte. Allerdings fehlt mir leider oft die Zeit und vor allem auch die Kraft dafür. Fürs Scheibenstecken reicht die Kondition aber auf jeden Fall. Da kann man es sich dann auch erlauben, die leichteren blauen Scheiben mit 20 Kilogramm anstatt der schwereren roten Scheiben zu nutzen.

F: Welchen Stellenwert hat Powerlifting für dich in deinem Leben? Gibt es Dinge, auf die du verzichtest?

Powerlifting hat nimmt einen wichtigen Platz in meinem Leben ein. Generell spielt Krafttraining eine sehr große Rolle in meinem Leben, sowohl beruflich (Studium, Coaching und Social Media), als auch privat. Dafür verzichte ich auch schon mal auf Freizeit. Training ist für mich wie Arbeit oder ein Termin, den ich wahrnehme. Termine will ich nicht absagen.

So wie es einigen berufstätigen Menschen geht, bin ich ebenfalls arbeitstechnisch enorm eingespannt. Hin und wieder hätte ich gerne mehr als 24 Stunden pro Tag zur Verfügung.

Training als Kader-Athletin

F: Du erfüllst die A-Kader-Norm und startest international im Powerlifting. Ich nehme daher an, dass du im Kader bist. Wie kann man sich dies als Außenstehender vorstellen? Welche Rechten und Pflichten ergeben sich damit?

Als Außenstehender kann man sich es so vorstellen, dass man unregelmäßig und unangekündigt von der NADA getestet wird. Jeder Kaderathlet muss via einer App den Übernachtungsort sowie Aufenthaltsorte tagsüber angeben.

Ich bin zu einer Mitarbeit verpflichtet. Sollte ich mich daran nicht halten, wäre mit Strafen zu rechnen, die unterschiedlich intensiv ausfallen. Es wäre eine Hochstufung im Testpool möglich. Aber auch Sperren bei Wettkämpfen sind möglich, wenn Dopingkontrollen verfehlt, verpasst oder nicht wahrgenommen wurden. Das käme einem positiven Ergebnis recht nahe.

Innerhalb des BVDKs finden Kaderlehrgänge statt. Insbesondere vor internationalen Wettkämpfen. Zu Beginn des Kader-Eintritts unterschreibt man einen Kadervertrag. In diesem verpflichtet man sich an Kaderlehrgängen teilzunehmen, hier werden aber häufig auch Ausnahmen gemacht. Diesen Vertrag muss man schließlich jedes Jahr erneuern.

Ein Kaderlehrgang dient dazu, dem BVDK Team und anderen dem Nationaltrainer zu zeigen, wie der aktuelle Stand der Dinge ist. Hier wird vor allem auf die Technik geachtet (Tiefe der Kniebeuge, Kommandos, Lockout im Deadlift, etc..), sodass man im Wettkampf selber bulletproof ist.

F: Wie gestaltet sich dein Training? Wie stark spielen Wettkampfplanungen in die Trainingsplanung hinein?

Eine sehr große Rolle – sogar die entscheidende Rolle. Mein Coach und ich planen gemeinsam den Wettkampfkalender und je nachdem wie dieser ausfällt, gestalten wir die Trainingsplanung. Ich trainiere in meiner Off-Season fünfmal pro Woche und zum Wettkampf hin, dann viermal pro Woche. Übungen variieren auch. In der Off-Season arbeite ich an meinen Schwächen und gestalte das Training so gut wie möglich so, dass ich an diesen arbeiten kann und im Zuge des Trainings daran wachse und stärker werde.

Volumen und Intensität variieren je nach Trainingsphase ebenfalls. Hier berechnen mein Coach und ich sämtliche Variablen, sodass wir alle Dinge so gut wie möglich im Überblick haben. Ich habe das Glück, dass mein Coach 24/7 für mich erreichbar ist und ich, sollte er nicht vor Ort sein, live Feedback über WhatsApp bekomme. Diese Verfügbarkeit gestaltet mein Training um einiges angenehmer und seitdem verzeichne ich auch starke Fortschritte.

Lea Schreiners Gewichtsklasse

F: Du bist in den letzten Jahren in den verschiedensten Gewichtsklassen angetreten. Dein Wettkampfgewicht schwankte zum Teil um die 10 Kilogramm. Nach welchen Kriterien hast du dich in der Vergangenheit für eine Gewichtsklasse entschieden? Gab es Vorgaben durch den Verband?

Früher waren die relevanten Gewichtsklassen für mich bis 72 Kilogramm und 84 Kilogramm. Mein Problem ist, dass mein „natürliches“ Körpergewicht genau zwischen diesen beiden Gewichtsklassen liegt, also ungefähr bei 77 Kilogramm.

Seit über einem Jahr gibt es neue Gewichtsklassen. Die alte 72er-Klasse wurde zu einer 76er-Klasse. Das ist für mich ideal.

Bei der diesjährigen WM in Südafrika bin ich in der 84er-Klasse gestartet, da die Chancen in 76er und 84er nahezu identisch waren. Zudem wollte ich für meine 1. WM nicht Gewicht machen müssen.

Ich durfte mir die Gewichtsklasse von Verbandsseite also selbst aussuchen. Hätte ich allerdings voraussichtlich wenig Chancen gehabt, hätte ich vermutlich in der 76er-Klasse starten müssen. Zudem muss man für die jeweilige Klasse die Kadernorm erfüllen, was bei mir für die 84er-Klasse ebenfalls zutraf. Ich konnte mir, wenn man es so ausdrücken, somit den Luxus leisten, in der höheren Gewichtsklasse anzutreten. Ich musste also kein Gewicht für den Powerlifting-Wettkampf machen.

Ernährung im Powerlifting

F: Wie strukturiert ist deine Ernährung als Powerlifterin und wie stark ist diese auf den Sport ausgerichtet?

Ernährung ist momentan sehr strukturiert. Ich tracke täglich meine Kalorien mit Hilfe einer App und ich habe vor kurzem jemanden herangezogen, der das Monitoring meiner Kalorien übernimmt. Zum ersten Mal tracke ich nämlich nicht, um abzunehmen, um also in eine bestimmte Gewichtsklasse zu kommen, sondern um aufzubauen. Das mag komisch klingen, aber ich habe noch nie einen Aufbau mit Kalorientracking betrieben.

Ich habe bereits große Erfahrung mit Tracking und kann meine Mahlzeiten sehr gut einschätzen und sogar hin und wieder auf die Kalorien genau. Was ich sehr unterhaltsam finde. Dennoch hilft mir eine außenstehende Person sehr, die Gewichtszunahme neutral zu betrachten und nicht zu emotional zu reagieren.

F: Was würdest du aus heutiger Sicht sportlich anders machen? Waren mögliche Fehler wichtig, um heute da zu sein, wo du bist, oder gab es Erfahrungen, auf die du rückblickend auch hättest verzichten können?

Geduld ist hier ein Schlüsselwort. Ich würde geduldiger sein, aber vielleicht musste ich auch auf die Nase fallen, um zu merken, was wichtig ist.

F: Du warst 2020 auf der deutschen Meisterschaft in der Equipped-Klasse gestartet. Zuletzt hattest du dich aber in RAW-Wettkämpfen bewiesen. Warum diese Entscheidung?

Equipped ist wahnsinnig zeitintensiv und man ist stark abhängig von anderen. Wem Equipped Powerlifting nichts sagt, das ist der Ursprung des RAW Powerliftings. Man trägt einen Anzug, der extrem eng sitzt und Wickelbandagen, die ebenfalls nicht die lockersten sind. Allein um in den Anzug zu kommen, benötigt es mindestens eine Person zum Helfen.

Die Wickelbandagen kann und sollte man sich nicht selbst wickeln, sondern sich „wickeln“ lassen. Welche Zeitreise. Man kann sich schon denken, das sind alles Faktoren, die das Training in die Länge ziehen.

Mein damaliges Umfeld war großartig – an dieser Stelle, liebe Grüße an Heiko Krüger. Im Moment sehe ich mich aber eher als RAW-Athletin – aber never say never.

Lea Schreiner über Powerlifting im Social Media

F: Powerlifting ist innerhalb der Fitness-Blase eine Randsportart, die aber dennoch insbesondere durch Social Media eine klare Anhängerschaft um sich versammelt. Wie nimmst du die deutsche Powerlifting-Szene wahr und insbesondere die weibliche Fraktion?

Auf jeden Fall, als immer größer werdend. Das Starterfeld wird immer dichter und auch das Niveau steigt Jahr für Jahr.

F: Was würdest du jemanden empfehlen, der mit dem Powerlifting beginnen möchte?

Man sollte darauf achten, dass man in einem Gym trainiert, in dem auch anderen ambitionierte Kraftsportler sind. Das muss nicht unbedingt ein Powerlifting-Gym oder Verein sein, denn ich selber bin beispielsweise über das Gewichtheben zu Powerlifting gekommen. Langhantelsportarten verbinden also.

Außerdem sollte man lernen, wie man sich im Raum bewegt – Stichwort Kinematik. Meine Zeit im Gewichtheben war z.B. sehr hilfreich, diese Fähigkeit noch stärker auszuprägen und zu üben. Nicht selten sehe ich Athleten oder gar Coaches, die eine Kniebeuge nicht konstant am Mittelfuß ableiten können. Das sind alles Fähigkeiten, die man erlernen kann und auch in der Lage sein sollte, diese gegebenenfalls in einem Satz korrigieren zu können.

F: Kann man Powerlifting auch im Fitnessstudio für sich allein trainieren oder würdest du in jedem Fall das Training in einem Verein empfehlen?

Es geht auf jeden Fall. Mehr Unterstützung und nettere Atmosphäre findet man wahrscheinlich eher in einem Verein wieder.

F: Du bist auch außerhalb der Fitness- und Kraftsportszene medial relativ präsent. Gab es auch negative Reaktionen, die dadurch an dich herangetragen wurden?

Nein, eher im Gegenteil. Ich habe viel mehr Nachrichten bekommen, dass ich Leute für Kraftsport begeistern konnte und sie von meiner Ausstrahlung förmlich enthusiasmiert waren.

F: In der zuletzt heftig kritisierten Strg-F-Dokumentation wurdest du als Beispiel für die Gefahren des Sports herangezogen. Wie wurdest du darauf aufmerksam gemacht und was denkt man in so einem Fall im ersten Augenblick?

Ich habe es eher mit Humor genommen. Fand es aber sehr lieb, dass sich einige bei mir gemeldet haben. Im ersten Augenblick denkt man sich vermutlich nur: „Hey, das bin ich.“ Alles andere ist schon wieder Retrospektive.

F: Du hast Sponsoring-Verträge, was sicherlich auch nicht so viele Powerlifter – egal ob männlich oder weiblich – von sich behaupten können. Decken sich damit die Kosten fürs Powerlifting oder zahlst du als Athletin drauf?

Ich bin super happy mit meinen Sponsoren und kann mich diesbezüglich nicht beschweren. Ich würde nicht behaupten, dass ich draufzahle, ganz im Gegenteil. Meine Sponsoren unterstützen mich, nicht nur finanziell, sondern auch bei Projekten, Ideen und z.B. Content Creation.

Meine Erfolge haben mir geholfen, an diese Sponsoren zu kommen, aber es waren hier und da auch Kontakte von Vorteil.

F: Was würdest du am Powerlifting ändern, wenn du darüber entscheiden dürfest?

Wenn wir schon dabei sind, die Bankregeln zu ändern, kann man doch gleich auch Sumo verbieten? Nicht wahr? Oder zum Beispiel einen Vierkampf daraus machen, indem man Posing hinzufügt. Könnte mir entgegenkommen. Ist natürlich ein kleiner Spaß.

Mit der neuen Bankregel bin ich sehr zufrieden und fand außerdem recht amüsant, dass ich diese vom IPF Präsidenten persönlich beim Frühstück erfahren habe. – Fun fact: Das war bei der Europameisterschaft im Bankdrücken.

F: Auf deinem Instagram-Profil ist die „Road to 500kg Total“ als Ziel zu finden. Bei der WM waren dir im Sommer 2022 bereits 495 Kilogramm gelungen. In welcher Disziplin willst du die letzten 5 Kilogramm rauskitzeln und wie schwer schätzt du diesen letzten Schritt ein?

Mit meinem Coach haben wir gezielt darauf hingearbeitet. An dem Tag waren die 500 kg mit Sicherheit möglich, wobei da natürlich immer je nach Tagesform Faktoren reinspielen können, die man weniger kontrollieren kann.

Leider war an meinem Wettkampftag die Plattform schon sehr durchlöchert und nicht mehr allzu eben. Das führte dazu, dass sich die Langhantel während meinem zweiten Versuch schon deutlich beim Wegheben, von meinem Körper verabschieden wollte, ich aber den Lift noch bewältigen konnte.

Im dritten Versuch haben wir dann von 207,5kg auf 210kg gesteigert, um auf Nummer sicher zu gehen. Siehe da, die 210kg waren leichter als die 207,5kg, weil mich auf die Umstände einstellen konnte. Letztendlich ist es, wenn alles gut geht, nur eine Frage der Zeit, dass die letzten fünf Kilogramm noch hinzukommen.

F: Wie sind deine zukünftigen Pläne im Powerlifting? Abgesehen vom Knacken der 500 Kilogramm?

International Medaillen holen!

Autor: Dr. Frank-Holger Acker | Titelbild: Instagram, Instagram & Instagram

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