Die Challenge Round beim Mr. Olympia: Fluch oder Segen?

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Wir schreiben das Jahr 2004: Ronnie Coleman dominiert die Bodybuildingwelt nach Belieben, die Fans gieren nach Spannung. Doch wie sollte man die Dominanz des wohl besten Bodybuilders aller Zeiten brechen? Man veränderte kurzerhand das Regelwerk und damit die komplette Wertung des Mr. Olympia. Am Ergebnis änderte die neu eingeführte Challenge Round nichts, doch sorgte sie immerhin für reichlich Gesprächsstoff.

Mehr Wettbewerb? Mehr Spannung? Die Challenge Round beim Mr. Olympia: Darum geht es

Der Mr. Olympia ist geprägt von Seriensiegern: Arnold Schwarzenegger, Lee Haney, Dorian Yates, Ronnie Coleman, Jay Cutler, Phil Heath. Solche Regentschaften sind natürlich beeindruckend, bergen aber auch immer das Risiko, dass bei den Fans Langeweile aufkommt. Und Langeweile bedeutet für den Veranstalter in aller Regel weniger Interesse und damit auch weniger Einnahmen. 2004 stand man beim Mr. Olympia genau an diesem Punkt: Nach acht Titeln von Lee Haney und sechs von Dorian Yates schickte sich Ronnie Coleman an, den siebten Titel zu holen: drei Titelträger in 21 Jahren.

Die Frage war nun, was man tun könnte, um mehr Spannung in den Wettbewerb zu bringen. Das war die Geburtsstunde der Challenge Round. Dabei handelte es sich um eine zusätzliche Wertungsrunde, die im Anschluss an der reguläre Finale stattfand. Bis dahin wurde gewertet wie immer: Die Judges vergaben im Prejudging und im Finale ihre Wertungen, dazu wurde damals auch die Posingkür noch als eigene Runde gewertet. Doch anders als in den Jahren zuvor wurden diese drei Wertungen nicht einfach addiert, sondern sie legten lediglich die Startpunkte für die Challenge Round fest, in der nur die Top 6 antraten. Der Sechstplatzierte erhielt einen Punkt, der Fünftplatzierte zwei und so weiter.

Vor dem Mr. Olympia 2004: Ronnie Coleman, Markus Rühl, Jay Cutler und Dexter Jackson

In der Challenge Round selbst durfte dann jeder Athlet, beginnend mit dem Sechstplatzierten, in einer von ihm gewählten Pose gegen die restlichen Athleten in Einzelduellen antreten. Die Pose konnte dabei von Duell zu Duell neu gewählt werden, jedoch durfte eine Pose in maximal zwei Duellen Anwendung finden. Die Judges wählten dann über elektronische Buzzer ihren Favoriten für die Pose. Der Athlet, der die meisten Judges von sich überzeugen konnte, bekam zwei Punkte. So konnte man theoretisch maximal 20 Punkte erlangen, zehn durch die eigenen fünf Challenge Rounds und weitere zehn durch die Runden, in denen der jeweilige Gegner die Pose auswählte. Somit hätte theoretisch die komplette Wertung noch einmal auf den Kopf gestellt werden können. Die Veranstalter erhofften sich so mehr Spannung, mehr Dramatik und dadurch auch mehr Interesse.

So lief die Mr. Olympia Challenge Round 2004 ab

Nach Prejudging und Finale standen beim Mr. Olympia 2004 die Top 6 fest:

  1. Ronnie Coleman (6 Punkte)
  2. Jay Cutler (5 Punkte)
  3. Dexter Jackson (4 Punkte)
  4. Gustavo Badell (3 Punkte)
  5. Markus Rühl (2 Punkte)
  6. Günter Schlierkamp (1 Punkt)

Günter war also der erste Athlet, der seine Duelle bestreiten durfte und er verlor jedes einzelne. Es folgte Markus, der gegen Günter, Gustavo und Dexter gewann, aber gegen Jay und Ronnie verlor. Auch Gustavo musste sich nur Ronnie und Jay geschlagen geben. Dexter hingegen gewann nur gegen Günter und Markus, verlor aber die anderen drei Duelle. Dann wurde es wirklich spannend: Jay war an der Reihe und er gewann alle fünf Runden, indem er gegen Ronnie seine vermutlich stärkste und gleichzeitig Ronnies schwächste Pose wählte: Abdominals and Thigs, also Bauch und Beine. Damit zog er im Klassement an Ronnie vorbei und führte mit 21 zu 14. Damit war klar, dass Ronnie alle fünf Duelle gewinnen musste, um seinen Titel zu verteidigen. Die ersten vier Duelle gewann er dann auch, sodass er vor dem finalen Duell mit Jay mit einem Punkt führte: 22 zu 21. In seinem letzten Duell entschied sich Ronnie zur Verwunderung vieler nicht für die Back Double Biceps sondern für den Back Latspread, aber auch diese Pose gewann er und wurde verteidigte damit seinen Titel.

Platzierung Name Runde 1 Runde 2 Runde 3 Punkte Challenge Round
1 Ronnie Coleman 5 5 5 15 24
2 Jay Cutler 10 10 10 30 21
3 Gustavo Badell 21 16 20 57 13
4 Dexter Jackson 15 19 15 49 12
5 Markus Rühl 40 28 25 93 10
6 Günter Schlierkamp 28 43 30 101 1

 

Vor- und Nachteile

Der große Vorteil dieser zusätzlichen Wertungsrunde war sicherlich die Spannung. Ronnie lag nach den drei regulären Wertungsrunden mit 15 Punkten deutlich vor Jay und doch hätte ein verlorenes Duell ausgereicht, um seinen Titel gegen diesen zu verlieren. Diese Spannung erfasste auch die Fans, die lautstark ihre Favoriten anfeuerten. Auch brachte die Challenge Round eine taktische Komponente ins Spiel, da jede Pose eben nur zweimal verwendet werden durfte. Man musste sich also sehr genau überlegen, in welchen Posen man gegenüber dem jeweiligen Konkurrenten Vor- und Nachteile hat.

Die Spannung wurde natürlich aber auch mit dem Risiko erkauft, dass ein kleiner Fehler hätte ausreichen können, die komplette Show auf den Kopf zu stellen. Hätte Ronnie, der den kompletten Wettkampf dominierte, im Duell mit Jay die Pose nicht ganz ideal gestellt, hätte er trotz seiner überzeugenden Gesamtleistung den Titel verloren. Im „Kleinen“ passierte das Dexter Jackson, der vor der Challenge Round klar vor Gutavo Badell lag, aber letztlich hinter diesen zurückfiel. Eine Tatsache, die im Profisport eben auch finanziell bedeutend ist, denn statt 50.000 Dollar bekam er so nur 40.000 Dollar. Dexter war darüber so verärgert, dass er 2005 aussetzte.

Durchsetzen konnte sich die Idee indes nicht, wohl auch weil die Athleten selbst wenig begeistert von der Idee waren, im Zweifel die Leistung des gesamten Wochenendes mit einem kleinen Fehler zunichtemachen zu können. 2005 wurde daher eine abgewandelte Version als gesonderter Wettkampf eingeführt. Die Wertung übernahmen ehemalige Mr. Olympia-Teilnehmer. In diesem Wettkampf, der mit 25.000 Dollar ausgezeichnet wurde, bezwang Gustavo Badell Jay und Ronnie und holte sich den Sieg, während Ronnie Jay im eigentlichen Wettkampf ein weiteres Mal bezwang und sich seinen vorletzten Titel holte.

Ein neuer Versuch?

Anders als 2004 mangelt es derzeit nicht an Spannung. Seitdem Shawn Rhoden 2018 Phil Heath als Sieger ablöste, wechselte der Titel bereits zweimal den Träger: 2019 holte sich Brandon Curry den Sieg, 2020 und 2021 jeweils Big Ramy. Und doch stellt sich die Frage, wie diese Shows ausgegangen wären, hätte es eine Challenge Round gegeben. Gerade die taktische Komponente könnte bei so unterschiedlichen Körpertypen wie sie aktuell in den Top 5 zu finden sind, für Spannung sorgen. Interessant wäre ein zweiter Versuch daher ganz sicher, ob er letztlich sportlich fair wäre, steht auf einem anderen Blatt, wobei es viele Sportarten gibt, in denen es eben nicht auf die Gesamtleistung ankommt, sondern darauf, sich bis ins Finale zu kämpfen und dort dann abzuliefern. In einem solchen Szenario könnte man auch die Fans mit abstimmen lassen, indem man ihnen beispielsweise eine gewisse Anzahl von Judgesstimmen gibt. Damit würde man sich natürlich auf eine Gratwanderung zwischen sportlichem Wettkampf und Popularitätsabfrage bewegen, mehr Aufmerksamkeit würde eine solche Variante aber ganz sicher bringen.

Autor: Thomas Koch Bilder: Raymond Cassar

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