Mike Tyson: Eine unbesiegbare Maschine – bis zur Selbstdemontage

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Mike Tyson tauchte urplötzlich in den 80er Jahren als Teenager auf, welcher im Schwergewichtsboxen jeden Gegner dem Erdboden gleichmachte. Die Naturgewalt war athletischer, schlagkräftiger und spektakulärer als alles, was die Fachwelt zuvor je zu Gesicht bekommen hatte. Mike Tyson krönte sich zum jüngsten Weltmeister im Schwergewicht aller Zeiten und wirkte schlicht unschlagbar – bis Drogen, Frauen mit schlechtem Einfluss und psychische Probleme die Oberhand gewannen.

Eine Karriere mit Höhen und Tiefen: Mike Tyson

Mike hatte eine traurige Kindheit. 1966, im damals noch sehr herunter gekommenen New Yorker Stadtteil Brooklyn geboren, wuchs der US-Amerikaner unter schwierigen Bedingungen auf. Der Vater hatte die Familie verlassen, noch bevor Mike das zweite Lebensjahr erreichte. Seine Mutter war eine Prostituierte und ihre Kinder kamen aus Platzmangel nicht umhin, sie bei ihrer Arbeit beobachten zu müssen.

Darüber hinaus hatte Mike einen schweren Stand bei den Jungs in seiner Nachbarschaft. Seine Kindheit bestand aus Gewalt, Mobbing und Erniedrigungen. Der spätere Boxer wurde früh kriminell und neigte zu Gewaltausbrüchen. Mit nur 12 Jahren wurde Mike von der Polizei zum bereits fast vierzigsten Mal festgenommen und in eine Schule für schwererziehbare Kinder gesteckt.

Die Schule ähnelte einem Gefängnis und auch dort stolperte der Draufgänger von einem Problem zum anderen. Erst als sein Sportlehrer auf die atemberaubenden physischen Talente des emotional instabilen Jungen aufmerksam wurde und diesem anbot, ihn einem befreundeten Boxtrainer vorzustellen, wandelte sich das Blatt.

Ein Mentor mit positivem Einfluss

Mit 13 nahm Boxtrainer Cus D’Amato den jungen Mike unter seine Fittiche. Der bereits 70-jährige lehrte das Ausnahmetalent nicht nur das Boxen, vielmehr entwickelte er sich rasend schnell zu einer Vaterfigur. Unter Cus lernte Mike, seine Emotionen zu kontrollieren, das Training zu fokussieren und Problemen aus dem Weg zu gehen. Darüber hinaus beeindruckte der junge Teenager sämtliche Beobachter mit seinem außergewöhnlichen Talent.

Mit nur 18 Jahren gab Mike sein Debüt als Profiboxer im Schwergewicht. Sein Gegner war hoffnungslos unterlegen und ging noch in der ersten Runde zu Boden. 1985 lieferte der US-Amerikaner 15 Kämpfe ab, in welchen er sämtliche Kontrahenten – in aller Regel in der ersten Runde – auf die Bretter schickte.

Mike war eine Naturgewalt, wirke im Ring völlig angstfrei und schlug mit einer zuvor unerreichten Wucht zu. Hatte er den Entschluss gefasst, auszuteilen, spielte es keine große Rolle, mit welcher Sorgfalt der Gegner seine Deckung aufrechterhalten wollte. Der Teenager durchbrach diese einfach. Neben besagter Schlagkraft war Mike wahnsinnig schnell und konnte irrwitzig präzise Treffer landen. Mike Tyson verfügte einfach über das perfekte Paket.

Um sich vollständig auf das Boxen konzentrieren zu können, wohnte Mike sogar bei seinem Mentor Cus D’Amato. Er wurde in die Familie integriert und sollte diese Phase später als den mit Abstand glücklichsten Abschnitt seines Lebens bezeichnen. Das frühere Problemkind hatte seine Emotionen im Griff, präsentierte sich höflich sowie demütig. Als die Vaterfigur Ende 1985 verstarb, stellte dies eine große Tragödie für den jungen Mike Tyson dar.

Mike Tyson: In Windeseile zum Weltmeister

1986 setzte der wie besessen trainierende Kämpfer seinen wahnsinnigen Lauf im Ring einfach fort. Jeder, der sich ihm entgegenstellte, wurde schlicht überrollt. Obgleich die Gegner immer namhafter und die Hallen immer größer wurden, schien Mike einfach niemals einem würdigen Kontrahenten gegenüberzustehen.

So erhielt die Naturgewalt im November 1986 die Möglichkeit, sich in Las Vegas zum jüngsten Schwergewichts-Weltmeister aller Zeiten zu krönen. Sein kanadischer Gegner hatte Iron Mike im Titelkampf der WBC rein gar nichts entgegenzusetzen und so benötigte dieser weniger als zwei Runden, um mit nur 20 Jahren den Olymp zu erklimmen.

Nach dem Tod seines Mentors Cus begann Mike, abseits des Rings für Schlagzeilen zu sorgen. Vorwürfe von Körperverletzung und sexueller Belästigung waren zu vernehmen. Außerdem streckte der legendäre Promoter Don King seine Fühler nach dem jungen Ausnahmetalent aus. Die Zusammenarbeit mit dem extrovertierten Geschäftsmann hatte einen rein finanziellen Hintergrund. Zudem war der Promoter daran interessiert, dass Mike mit Skandalen in Verbindung gebracht wurde. Denn vom Bad Boy-Image versprach sich der skrupellose Unternehmer eine höhere Medienwirksamkeit und insgesamt größere Einnahmen.

Darüber hinaus stellte Mikes Ehe mit der Schauspielerin Robin Givens eine waschechte Seifenoper dar. Paparazzi und die Schwiegermutter trugen allerhand Interner an die Öffentlichkeit und auch Robin selbst beschuldigte den Boxer in Interviews, einen katastrophalen Ehemann darzustellen. Es war ein offenes Geheimnis, dass Geldgier die Frau antrieb, in welche sich Mike verliebt hatte.

Auch wenn das Privatleben zunehmend turbulenter wurde, lieferte die Naturgewalt im Ring weiter ab. Zunächst gewann Iron Mike neben dem Gürtel der WBC auch noch den Titel der WBA, später kam die Trophäe des IBF hinzu. Mit nur 21 Jahren war der US-Amerikaner der erste Weltmeister im Schwergewicht, welcher alle drei Titel der großen Verbände sein Eigen nennen durfte. Die Fachwelt nannte das Ausnahmetalent damals folgerichtig in einem Atemzug mit Muhammad Ali und Joe Louis.

Die private Situation eskaliert

Teure Autos, hübsche Frauen und aufputschende Drogen begannen, dem nach wie vor ausgesprochen jungen Mike den Kopf zu vernebeln. Seine Ehe war eine Katastrophe, sein Mentor wollte ihm schaden und die emotionale Instabilität aus längst vergangenen Tagen kroch langsam wieder empor. Er entwickelte schließlich eine Kokain-Sucht und umgab sich nach eigenen Angaben täglich mit Prostituierten.

Nachdem Robin Givens in einem Interview an Mikes Seite vor laufenden Kameras berichtete, die Ehe mit ihrem manisch-depressiven Partner sei die Hölle auf Erden und sie sei regelmäßig körperlicher Gewalt ausgesetzt – ein Vorwurf, welcher sich später als haltlos erwies – kam es zur Scheidung. Robin kassierte kräftig ab und Mike driftete endgültig in eine Welt aus bezahltem Sex und Drogen ab.

An diszipliniertes Training war nun nicht mehr zu denken. Iron Mike war dauerhaft auf Kokain, emotional am Boden und machte im Sparring zunehmend eine katastrophale Figur. Als es 1990 in Tokyo zu einem medienwirksam arrangierten Titelverteidigungskampf gegen James Douglas kam, zollte der Weltmeister seiner toxischen Lebensweise schlussendlich auch im Ring Tribut und verlor erstmals in seiner Profi-Karriere einen Boxkampf.

Doch es kam alles noch viel schlimmer: Mike musste sich im Anschluss vor Gericht verantworten, da ihn eine zum potenziellen Tatzeitpunkt 18-jährige Teilnehmerin eines Schönheitswettbewerbs der Vergewaltigung beschuldigte. Er wurde zu einer sechsjährigen Haftstrafe verurteilt, wobei zugleich drei Jahre auf Bewährung ausgesetzt wurden.

Mikey Tyson: Das große Comeback

Nachdem der Boxer die Haftstrafe abgesessen hatte, begab er sich unmittelbar zurück ins Training. Iron Mike bekam im Gefängnis zumindest vorübergehend seine Kokain-Sucht in den Griff und konvertierte zum Islam. Seine mentale Verfassung ließ nun endlich wieder aufopferungsvolles Training zu – Mike wollte allen zeigen, dass er es immer noch draufhatte.

Das öffentliche Interesse war gigantisch. Was würde seine Gegner im Ring erwarten? Das Knockout-Wunder aus den 80er Jahren? Oder ein tief gefallener Star, welcher seine besten Tage längst hinter sich hatte? Die Geschichte hätte sich nicht besser schreiben lassen können: Mike überrollte erneut, was sich ihm in den Weg stellte.

Nur ein Jahr nach der Haftentlassung durfte sich der Boxer erneut den WBC-Weltmeistergürtel um die Hüfte legen lassen. Im Anschluss gelang es Mike, den Titel der WBA zu erringen. Plötzlich befand sich der US-Amerikaner sportlich wieder auf dem Gipfel. Doch der Erfolg wurde erneut von Problemen begleitet: Drogen, Prostituierte und Größenwahn sorgten zunehmend dafür, dass Iron Mike in Sachen Training und Disziplin nennenswerte Rückschritte beging.

Mike Tyson mit Ehefrau Lakiha Spicer Tyson. Photo by lev radin / Shutterstock.com

Bisse für die Ewigkeit 

Spätestens die Holyfield-Kämpfe sorgten für einen handfesten Skandal. Evander Holyfield, ehemaliger unumstrittener Weltmeister im Cruisergewicht, galt bereits vor der Haftstrafe für viele Experten als der Typ Boxer, welcher Mike das Leben wirklich schwer machen könnte. Holyfield war schnell, ausdauernd und furchtlos.

Im November 1996 verlor Mike in einer echten Ringschlacht schließlich den Gürtel an seinen taktisch sehr ausgereift boxenden Kontrahenten. Doch erst der Rückkampf im Sommer des darauffolgenden Jahres sollte ausufernd für Schlagzeilen sorgen: Holyfield verpasste Iron Mike einen Kopfstoß, welcher vom Ringrichter nicht geahndet wurde. Wutentbrannt biss Mike daraufhin seinem Gegner ins Ohr.

Der Ringrichter verpasste es nach der Aktion, den US-Amerikaner zu disqualifizieren. Der Kampf ging weiter und es kam zu einem zweiten Biss. Doch diesmal trennte Iron Mike ein Teil von Holyfields Ohr ab und spuckte es zu Boden – ein neuer Tiefpunkt in der Karriere des begnadeten Boxers.

Berufsverbot, Geldstrafe in Millionenhöhe und Körperverletzung an zwei Männern, nachdem diese in einen Autounfall mit Iron Mike gerieten: Das Leben des US-Amerikaners wurden zunehmend turbulenter. Zudem sollte der Gewaltausbruch rechtliche Folgen haben, schließlich stand der Boxer noch immer unter Bewährung. So kam es im Frühjahr 1999, wie es kommen musste: Mike Tyson wanderte für einige Monate zurück ins Gefängnis.

War es das nun mit der glorreichen Karriere und den sehr medienwirksamen Skandalen von Mike Tyson? Noch nicht ganz. Denn erneut schlug der US-Amerikaner nach seinem Comeback, was sich ihm in den Weg stellte. So kam es im Juni 2002 zum letzten großen Auftritt – und der sollte es in sich haben.

Ein letzter großer Skandal

 Lennox Lewis war der neue Star im Schwergewicht. Holyfield hatte dem Briten nicht widerstehen können und für Mike ergab sich die Gelegenheit, um gleich drei WM-Gürtel (IBF, IBO, WBC) zu boxen. Bereits vor der offiziellen Pressekonferenz hatte Iron Mike große Töne gespuckt. So kündigte der Boxer beispielsweise im Vorfeld an: „Ich werde dein Herz heraus reißen, ich werde deine Kinder essen.“

Die Pressekonferenz endete schließlich in einem riesigen Desaster. Lewis hatte Mikes Verhalten kritisiert, dieser zettelte eine Massenschlägerei an, bei welcher der Chaot wieder einmal zubiss. Diesmal erwischte es den Oberschenkel seines Kontrahenten, weshalb die Box-Kommission aus Nevada Mikes Lizenz entzog. Der Kampf wurde daraufhin von Las Vegas nach Memphis verschoben.

Im Ring war Iron Mike seinem Kontrahenten schließlich unterlegen. Lewis war erst der dritte Gegner, welchem Mike sich schließlich beugen musste – in über 17 Jahren Schwergewichtsboxen auf allerhöchstem Niveau. Nach dem Kampf zeigte sich der US-Amerikaner übrigens versöhnlich und betonte, das Spektakel im Vorfeld mitunter absichtlich turbulent gestaltet zu haben.

Nach der Karriere

Nach dem Lewis-Fight war die glorreiche Karriere eines der größten Boxer aller Zeiten im Grunde genommen vorüber. Fans erinnern sich gerne an den Mike Tyson aus den 80er Jahren: Eine schier unbesiegbare Maschine. Die Naturgewalt stellt bis heute den jüngsten Weltmeister aller Zeiten im Schwergewicht dar, fuhr auf dem Weg zum ersten Titel in 26 seiner 28 Kämpfe die Siege durch einen Knockout ein und benötigte für besagte Serie gerade einmal anderthalb Jahre.

Trotz eines katastrophalen Lebensstils – geprägt von Drogen, Undiszipliniertheiten und emotionalen Turbulenzen – gelang es Iron Mike Tyson, für knapp 17 Jahre das Maß aller Dinge im Schwergewichtsboxen darzustellen. Nach der Karriere trat der US-Amerikaner immer wieder als Schauspieler in Erscheinung und erlangte im Privatleben nach eigenen Angaben zumindest etwas mehr Konstanz. 2013 wurde allerdings bekannt, dass Mike an einer lebensgefährlichen Alkoholsucht und starken psychischen Problemen litt.

Derzeit geht es dem ehemaligen Weltklasse-Sportler augenscheinlich wieder besser. Er unterhält einen beliebten Youtube-Kanal, erfreut sich nach eigenen Aussagen einer ordentlichen körperlichen Gesundheit und konnte finanzielle Probleme aus der Vergangenheit angeblich aus der Welt schaffen. In Puncto Privatleben sollte Mike Tyson wohl eher nicht als Vorbild zu Rate gezogen werden. Als Boxer konnte vor allem der jungen Ausgabe des US-Amerikaners jedoch sprichwörtlich niemand etwas vormachen.

Autor: Nico Schmidt / Quelle Bilder: Mike Tyson, lev radin (Shutterstock.com)

 

 

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