Was ist eigentlich Bodybuilding?

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1947

Der Versuch einer Definition

Während der Fitnesshype ungebrochen ist, verbleibt Bodybuilding nach wie vor in einer Nische. Zumindest, wenn man an Markus Rühl und Ronnie Coleman denkt, wenn man von Bodybuilding spricht. Aber ist das überhaupt richtig? Was ist Bodybuilding überhaupt?

Wikipedia definiert Bodybuilding als einen „Sport mit dem Ziel der aktiven Körpergestaltung“. Diese Definition hält sich also eng an die Wortbedeutung. Folgt man dieser Definition, so wie es beispielsweise Arnold Schwarzenegger in der Vergangenheit häufig getan hat, dann ist jeder, der mit dem Ziel, seinen Körper zu formen, Sport betreibt, ein Bodybuilder. Für diese Definition spricht, dass man in anderen Sportarten genauso vorgeht: Egal ob Kreisklassekicker bei den Alten Herren oder Profifußballer auf höchstem Niveau, man spricht von einem Fußballer. Es wäre also nur folgerichtig, nicht nur diejenigen, die Bodybuilding als Leistungssport betreiben, als Bodybuilder zu bezeichnen, sondern eben auch all diejenigen, die durch sportliche Aktivität versuchen, das ein oder andere Pfund zu verlieren und ihren Körper zu „straffen“, wie das Trainingsziel häufig definiert wird. Natürlich ist diese Definition sehr weit. Aber ist sie zu weit?

Viele Wettkampfbodybuilder werden das sicher so sehen. Nicht selten sind hier Aussagen wie „Alles unter einem 50er Oberarm ist Fitness“ oder ähnliches zu hören. Das ist natürlich eine sehr beschränkte Sicht auf den Sport. Demnach wären viele Athleten der Kategorien Classic Physique und Classic Bodybuilding keine Bodybuilder. Ist das angemessen? Oder ist das nicht doch recht überheblich?

Ein Blick in die Geschichte

Muskulöse Körper faszinieren die Menschheit seit Jahrtausenden. Betrachtet man die Darstellungen von Helden und Gottheiten verschiedener Kulturen, wird man immer wieder auf Körper treffen, die auch nach heutigen Maßstäben überdurchschnittlich muskulös waren.

Von Bodybuilding war hingegen erstmals 1881 zu lesen. Der Mitarbeiter des Bostoner YMCA Robert J. Roberts prägte den Begriff für eine Art des Turntrainings, das grundsätlzich dem heutigen Fitnesstraining ähnelt. Größere Aufmerksamkeit bekam der Sport durch Eugen Sandow, der deshalb auch als Begründer des modernen Bodybuildings gilt. Sandow verband dabei unterschiedlichste Demonstrationen von Körperkraft mit der Darstellung seines muskulösen Körpers. 1901 veranstaltete er in London den ersten Bodybuildingwettbewerb.

Seine erste Blütezeit erlebte der Sport dann in den 50er und 60er Jahren. Muskulöse Körper entsprachen dem Zeitgeist, der unter anderem geprägt war durch die sogenannten Sandalenfilme, in denen viele der damaligen Bodybuilder wie Steve Reeves und Reg Park Hauptrollen übernahmen. Anzumerken ist, dass die Muskelmasse dieser Athleten heute wohl kaum für eine nennenswerte Platzierung bei einem Wettkampf ausreichen würde. Aber nachdem – vor allem auch angetrieben durch die Weider-Brüder – der Sport rein auf die Darstellung möglichst „perfekter“ Körper reduziert wurde, nahm der Grad an Muskulösität eine rasante Entwicklung an. Athleten wie Sergio Oliva und natürlich dann Arnold Schwarzenegger zeigten ein ganz neues Maß an Muskelmasse. Für den neu entstehenden Hype rund um den Bodybuildingsport war aber vermutlich das clevere Marketing der Weiders deutlich entscheidender. Sie verbanden den Sport mit dem leichten Leben im sonnigen Kalifornien: Strand, hübsche Frauen, Sport. Diese Generation der Athleten war vermutlich aber auch die letzte, die noch Körper zeigte, die für Außenstehende noch ansatzweise greifbar waren. Natürlich war ein Arnold Schwarzenegger zu seiner Zeit eine mehr als imposante Erscheinung, aber im Vergleich zu den heutigen Topathleten eben doch noch deutlich näher am Durchschnittsmenschen.

Wie in jedem Sport sorgte der Ehrgeiz und Siegeswille der Athleten in Verbindung mit einem stetig wachsenden Wissen rund um Trianingslehre, Ernährung und auch die Möglichkeiten pharmazeutischer Unterstützung für eine rasante Leistungsexplosion. Auf die Ära Schwarzenegger folgte die Ära Haney, folgte die Ära Yates. Stellt man die Körper von Dorian und Arnold nebeneinander, sind die Entwicklungsschritte immens. Auf die Spitze getrieben wurde diese Entwicklung jedoch Ende der 90er durch Ronnie Coleman, den bis heute vielleicht besten Bodybuilder aller Zeiten. In nahezu jeder Wertungskategorie liegen Lichtjahre zwischen einem Arnold Schwarzenegger und einem Ronnie Coleman, vielleicht mit einer Ausnahme: dem wohl subjektivsten Kriterium überhaupt, der Ästhetik.

Ästhetik als Kernbegriff

„I look at myself as a piece of art. I have taken 20 years to develop my physical body into the shape it’s in right now, and if that isn’t art, I don’t know what art is.” Dieses Zitat von Ed Corney beschreibt recht gut, wie viele Bodybuilder ihren Sport sehen, als „Kunstschaffen am eigenen Körper“. Dabei wird die Funktionalität in den Hintergrund gerückt, weshalb Charles Gaines, Autor des Buchs und Films Pumping Iron, Bodybuilding 1974 als „aesthetic rather than athletic“ bezeichnete. Der Kunstwissenschaftler Jörg Scheller plädiert daher auch für eine klare Trennung zwischen Bodybuilding und Sport. Während beim Sport die „Qualität der Funktionen des Körpers in einer Wettkampfsituation“ im Vordergrund stünde, sei es beim Bodybuilding der „Vergleich der Qualität der Formen des Körpers in einer Wettkampfsituation“. Ein Bodybuilder sei demnach „eine Person, die sportliche Methoden für autoplastische Zwecke nutzt. Die anvisierte Ästhetik ist dabei puristischer, extremer und erhabener Natur“.

Diese Definition ist vor allem deshalb spannend, weil die Frage nach der Ästhetik gerade im modernen Bodybuilding immer mehr Raum einnimmt. Arnold Schwarzenegger höchstpersönlich kritisierte in den vergangenen Jahren mehrfach die Entwicklung des modernen Bodybuildings, die sich mehr und mehr von seiner Definition eines ästhetischen Körpers weit entfremdet habe. Doch was ist Ästhetik überhaupt?

Alfred Rosenberg, einer der führenden Ideologen der NSDAP schrieb hierzu in seinem Werk „Mythus des 20. Jahrhunderts“: „Die Ästhetik hat es unter anderem mit Geschmacksurtilen zu tun, d. h. sie fordert, dass ein Kunstwerk nicht nur einem Menschen gefalle, sondern „allgemein“ Anerkennung finde. Das Suchen nach diesem allgemeinen Gesetz des Geschmacks hat die Köpfe seit Jahrzehnten erhitzt. Dabei ist eine Vorbedingung der Polemik missachtet worden: Gefallen kann ein Kunstwerk nur, wenn es sich im Rahmen eines organisch umgrenzten Schönheitsideals bewegt. Der Anspruch auf Allgemeingültigkeit eines Geschmacksurteils folgt nur aus einem rassisch-völkischen Schönheitsideals und erstreckt sich nur auf jene Kreise, die bewusst oder unbewusst, die gleiche Idee von Schönheit im Herzen tragen.“

Man kann Rosenbergs ideologischen Hintergrund sicherlich berechtigt kritisieren, aber dennoch ist diese Definition sehr passend. Bei dem Philosophen Peter Möller findet man folgende Aussage: „Ob wir etwas schön oder häßlich finden, hat – naturwissenschaftlich betrachtet – zumindestens teilweise etwas zu tun mit Mustern, die in uns gespeichert sind und mit denen wir unbewusst Äußeres vergleichen. Im Rahmen einer rein philosophisch-ästhetischen Reflexion ist kein Grund dafür zu finden, dass wir einen Busen oder Po schön finden. Schon unser nächster Verwandter, der Schimpanse, wird die – aus unserer menschlichen Sicht häßliche – Schimpansin vorziehen.“

Nach welchen Mustern diese Klassifizierung erfolgt, ist in der Wissenschaft bis heute nicht endgültig geklärt. Klar scheint, dass die Sozialisierung hier massiven Einfluss nimmt, doch entsprechend der obigen Aussage sind es nicht allein äußere Einflüsse, vielmehr scheinen auch andere, tiefer sitzende Muster zu definieren, was wir als schön, was wir als ästhetisch betrachten. Entspricht dieses Empfinden der gängigen Norm, so trifft man auf allgemeine Zustimmung. Je weiter sich jedoch der eigene Geschmack von der Norm entfernt, desto mehr nähert man sich einer Position an, die von der Mehrheit als abnormal, oft gar als Perversion beschrieben wird.

Demnach ist es nur logisch, dass die zunehmende Leistungssteigerung im kompetitiven Bodybuilding dafür sorgt, dass das Ergebnis als mehr und mehr unästhetisch empfunden wird. Denn dieses weicht immer weiter von dem ab, was die Wissenschaft als gängiges Körperideal ermittelt hat. Dabei spielen vor allem möglichst gleichmäßige Proportionen eine große Rolle. Dass dieser Ansatz durchaus zielführend ist, zeigt sich, wenn man Athleten einer Generation vergleicht, beispielsweise Kevin Levrone und Nasser El Sonbaty oder heute Cedric McMillan und Big Ramy. Während die einen vor allem durch ihren Freakfaktor bestechen, werden die anderen trotz ihrer ebenfalls extremen Muskelmasse deutlich eher als ästhetisch bezeichnet. Fakt ist aber auch, dass eben nicht jeder die genetischen Voraussetzungen für einen Körper wie Levrone mitbringt. Um dennoch erfolgreich zu sein, wird versucht, diesen Makel durch ein Mehr an Muskelmasse zu kompensieren. Dem können sich auf Dauer dann auch die Ästheten unter den Bodybuildern nicht entziehen und so dreht sich das Rad immer weiter.

Stichwort positive Verstärkung

Diese Entwicklung wird noch einmal durch die sogenannte positive Verstärkung beschleunigt. Es ist allgemein bekannt, dass man dazu neigt sich ein Umfeld zu schaffen, dass die eigenen Werte und Ansichten weitgehend teilt. Auf diese Weise entstehen Subkulturen. Je exotischer die eigene Denk- und Handlungsmaxime ist, desto mehr wird man geneigt sein, sich mit Menschen zu umgeben, die diese teilen. Denn hier erhält man das, wonach man strebt: Anerkennung für die erbrachte Leistung. Anerkennung, die Außenstehende nicht geben, Anerkennung, die das eigene Handeln legitimiert, ihm einen Sinn gibt. So sehr manch einer auch schreiben mag, er tue das nur für sich, selbst wer davon wirklich überzeugt ist, der verdrängt nur das allgemeine Streben nach Anerkennung. Blaise Pascal formulierte dies so: „Das ganze Glück der Menschen besteht darin, bei anderen Achtung zu genießen.“ Oder mit den Worten von Lothar Schmidt: „Leistung allein genügt nicht. Man muß auch jemanden finden, der sie anerkennt.“ Was auch immer einen zum Bodybuilding gebracht hat, man wird nach Anerkennung für die erbrachten Mühen suchen, sei es bewusst oder unbewusst. Dies führt schnell in eine Spirale in der positive Resonanz als Bestätigung, negative Resonanz ebenfalls als Bestätigung aufgefasst wird: Wenn mich die breite Masse nicht gut findet, treffe ich genau den Geschmack meiner Subkultur.

Menschen, die im Inneren einen Entwurf von Ästhetik tragen, der von der allgemeinen Norm abweicht, scharen andere um sich, die diesen Entwurf teilen und verstärken ihn so. Dies erlaubt dem Ästhetikbegriff immer extremer zu werden, sich immer weiter von der Norm zu entfernen, bis er für die Mehrheit die Grenze zur Perversion erreicht oder gar überschreitet. Doch muss Bodybuilding überhaupt dem allgemeinen Ästhetikempfinden der Masse entsprechen? Wenn ja, wo zieht man da die Grenze? Nehmen wir den oft herangezogenen Frank Zane. Ist er noch ästhetisch? Ist er kein Freak?

Vor allem aber sorgt diese positive Verstärkung dafür, dass man in der eigenen Subkultur etwas sehr Exklusives sieht. Dann fällt es schwer zu akzeptieren, wenn auf einmal Men’s Physique-Athleten als Bodybuilder bezeichnet werden.

Mehr als das Superschwergewicht

Und doch eint letztlich alle Athleten, die auf die Bühne steigen, ihr Ziel nach körperlicher Perfektion. Und auch die Mittel, um dieses Ziel zu erreichen, sind weitgehend gleich: Krafttraining, sehr gezielte Ernährung, Supplementation. Bodybuilding als Wettkampfsport hat sich in den vergangenen Jahren schlicht immer weiter einer allgemeinen Definition des Begriffes angenähert. Wir haben eine Inflation der Klassen erlebt, die nicht jedem gefallen hat. Aber ist sie deshalb falsch? Ist es zielführend, den Sport künstlich klein zu halten? Oder anders formuliert? Ist die Leistung einer Bikiniathletin weniger beachtenswert als die eines Superschwergewichts? Gerne wird dann mit dem damit verbundenen Aufwand argumentiert, aber dieser ist doch sehr subjektiv. In beiden Klassen gibt es Athleten, denen es ihre Genentik leichter macht als anderen und solche, denen ihre Genentik und vielleicht auch ihre Vorgeschichte sehr viel mehr Steine in den Weg legt. Pauschalurteile über ganze Klassen sind da sicher Fehl am Platz.

Gleiches gilt natürlich auch für den durchschnittlichen Studiobesucher, der keinerlei Wettkampfambitionen hat, aber für sich seinen Körper in Form bringen will. Ganz im Sinne Arnolds ist auch er ein Bodybuilder und ihm gebührt für seine Anstrengungen Respekt.

 

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