Ist rotes Fleisch schlecht für die Gesundheit?

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Rotes Fleisch ist schlecht für die Gesundheit! Oder doch nicht?

Du isst noch rotes Fleisch? Dann bist Du entweder lebensmüde oder ein Klimaschwein, denn rotes Fleisch steht ungefähr auf einer Stufe mit SUVs und Inlandsflügen, was die öffentliche Wahrnehmung angeht. Und doch regt sich jetzt Widerstand gegen die gängige Meinung, rotes Fleisch sei ungesund.


Echte Männer essen Steaks, oder etwas nicht? Auf jeden Fall wird rotes Fleisch gerne vereinnahmt: Auf der einen Seite dient es als Symbol der Männlichkeit, denn sind wir mal ehrlich: Ein blutiges T-Bone-Steak assoziieren wir eher mit einem „echten Kerl“ als Putenstreifen oder Burger aus Erbsenprotein. Auf der anderen Seite gibt es kaum ein Lebensmittel, das so umstritten ist: Rotes Fleisch sei ungesund und umweltschädlich, argumentieren Kritiker.

Insbesondere das Argument mit der Gesundheitsschädlichkeit ist äußerst populär. Kein Wunder, gibt es doch kaum eine Institution, die nicht vor den Gefahren von rotem Fleisch warnt, allen voran die Weltgesundheitsorganisation WHO. Rotes Fleisch steht im Verdacht, Typ-2-Diabetes auszulösen und wird für diverse Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems verantwortlich gemacht. Zudem könne der (weitgehende) Verzicht auf rotes Fleisch das Krebsrisiko (vor allem für Darmkrebs) deutlich minimieren. Kurzum: Rotes Fleisch passt nicht zu einem gesunden Lebensstil. Genau diesem Credo widerspricht nun eine Gruppe von Ernährungswissenschaftlern, die sich intensiv mit diversen Studien zum Thema „rotes Fleisch“ auseinandergesetzt hat.

Alles außer Huhn und Pute

Bevor wir uns weiter mit den Ergebnissen der Forscher beschäftigen, sollten wir vielleicht zunächst einmal ein paar Fakten sortieren.

Was ist überhaupt rotes Fleisch?

Anders als man vielleicht glauben könnte, hat die Fleischfarbe nichts mit der Unterscheidung in rot und weiß zu tun. Als rotes Fleisch bezeichnet man das Fleisch von Säugetieren, also primär Rind, Kalb, Schwein, Schaf, Lamm, Rotwild etc., als weißes Fleisch hingegen wird das Fleisch von Geflügel bezeichnet.

Wie viel rotes Fleisch wird durchschnittlich gegessen?

Rund drei bis vier Mal pro Woche kommt im Durchschnitt rotes Fleisch auf die europäischen und nordamerikanischen Teller.

Wie lauten die gängigen Verzehrsempfehlungen?

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt, nicht mehr als 300 bis 600 Gramm Fleisch pro Woche zu verzehren, das umfasst sowohl rotes wie auch weißes Fleisch. Inbsbeondere das rote Fleisch solle man möglichst meiden, warnte doch erst 2016 die Krebsagentur der WHO, dass dieses „wahrscheinlich krebserregend“ und damit nur geringfügig weniger schädlich als verarbeitetes Fleisch sei, das als „krebserregend“ eingestuft wurde.

Darum geht es in der neuen Metaanalyse

All das soll nun auf einmal hinfällig sein? Mit Einschränkungen ja, wenn man einer Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zweier kanadischer Universitäten und zweier Institute in Spanien und Polen glaubt. Diese sind in fünf Analysen systematisch der Frage nachgegangen, ob es einen Zusammenhang zwischen dem Konsum von rotem und verarbeitetem Fleisch und Gesundheitsrisiken wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs gibt.

Dafür nahmen sie sich unzählige Studien mit Daten von mehreren hunderttausend Menschen vor. Die erste zentrale Erkenntnis: Die meisten Studien taugen nicht dazu, fundierte Aussagen über das tatsächliche Gefährdungspotential zu treffen. Am häufigsten liege das am Studiendesign, denn ein Großteil der vorliegenden Untersuchungen sind Beobachtungsstudien. Das heißt, dass Probanden hinsichtlich ihrer Lebensgewohnheiten beobachtet wurden und diese Ergebnisse dann mit den Gesundheitsdaten abgeglichen wurden. Das Problem: Solche Studien können nie alle Lebensgewohnheiten einbeziehen. Das ist aber durchaus relevant, liegt doch die Vermutung nahe, dass solche Menschen, die sich um ihre Gesundheit sorgen und daher wenig rotes Fleisch essen, eben auch häufiger auf Alkohol verzichten, nicht rauchen und sich mehr bewegen. Man erhält durch solche Studien also vor allem Korrelationen, jedoch keine kausalen Zusammenhänge.

Die Forschergruppe konzentrierte sich daher in den Untersuchungen einzig auf randomisierte Kontrollstudien, also solche Studien, in denen die Probanden in zwei Gruppen eingeteilt wurden, die sich nach einem festen Ernährungsplan zu ernähren hatten: die einen eben mit viel rotem Fleisch und die anderen ohne oder mit sehr wenig. Insgesamt zwölf Studien, die diesen Ansprüchen genügen, fanden die Forscher. Diese umfassen insgesamt 54.000 Menschen, die zwischen sechs Monaten und zwei Jahren begleitet wurden.

Anders als vielleicht erwartet, waren die Kernaussagen dieser Studien jedoch alles andere als einheitlich. Zwar gab es in der Tat Studien, die zu dem Ergebnis kamen, dass der Verzehr größerer Mengen von rotem und verarbeitetem Fleisch mit negativen gesundheitlichen Auswirkungen in Verbindung stehen, jedoch gab es eben auch solche, die zu dem Ergebnis kamen dass es keinen Zusammenhang gibt.

Der an der Metaanalyse beteiligte Epidemiologe Bradley Johnston fasst die Ergebnisse kompakt zusammen. In der Summe „fanden wir keinen statistisch bedeutsamen Zusammenhang zum Risiko von Herzerkrankungen, Krebs oder Diabetes für diejenigen, die weniger rotes und verarbeitetes Fleisch konsumierten“, so der Forscher. Daher sei festzuhalten, dass die Vorteile des Verzichts auf Fleisch ungewiss seien und sofern sie existierten, sehr klein seien.

Und nun?

Die Forscher halten es angesichts ihrer Ergebnisse für falsch, die Lebensgewohnheiten und damit auch den bislang als übermäßig kritisierten Konsum von rotem und verarbeitetem Fleisch als gesundheitsschädlich zu kritisieren.

Es ist jedoch anzumerken, dass diese Aussage umgehend von anderen Forschern kritisiert wurde, interessanterweise vor allem deshalb, weil auch die berücksichtigten Studien für eine generelle Aussage über die gesundheitlichen Auswirkungen des Fleischkonsums nicht ausreichend wären. Insbesondere der Untersuchungszeitraum sei zu kurz, um die Folgen abschätzen zu können.

Kurzum: Viel klüger als zuvor sei man auch nach dieser Metaanalyse nicht. Vielmehr seien weitere Untersuchungen notwendig.

Es geht nicht nur um unsere Gesundheit

Dennoch dürften Verfechter des Konsums größerer Mengen roten Fleischs sich durch die Ergebnisse bestätigt sehen. Jedoch geht es bei der Diskussion um den Fleischverzicht nicht nur um die direkten Auswirkungen auf die Gesundheit. So weist auch Johnston darauf hin, dass für die Frage, ob und wieviel Fleisch man konsumieren solle, auch Aspekte wie Tier- und Umweltschutz eine wichtige Rolle spielen.

Hier sind die Ergebnisse deutlich klarer: Das Bundesumweltministerium gibt an, dass die Produktion von einem Kilo Rindfleisch mehr als 60 Mal so viele Treibhausgase verursache wie der Anbau von einem Kilo Gemüse. Hinzu kämen die Umweltschäden, die durch die Abholzung von Wäldern zur Schaffung von Weideflächen entstehen. Einige Forscher argumentieren sogar, dass die Fleischproduktion die bedeutendste Ursache für Umweltprobleme und den Klimawandel sei.

Unstrittig ist auch, dass es nicht möglich ist, die derzeitigen Mengen an Fleisch aufrecht zu erhalten, wenn man die Lebensbedingungen der Tiere verbessern will. Das heißt: Wer ein Aus der Massentierhaltung fordert, muss gleichzeitig auch sein Konsumverhalten verändern.

Fazit

Aussagekräftige Studien über die Folgen unserer Ernährung sind höchst kompliziert, da die Zahl möglicher Einflussfaktoren immens ist. Daher ist nicht davon auszugehen, dass wir in naher Zukunft finale Antworten bekommen werden. Die aktuelle Metaanalyse sollte daher auch nicht als Freifahrtschein zum ungehemmten Fleischkonsum verstanden werden. Denken wir an andere Ernährungsmythen wie die Auswirkungen von Eiern auf den Cholesterinspiegel oder die angeblich entwässernde Wirkung von Kaffee, kann sie jedoch dazu dienen, die sehr emotional geführte Debatte wieder zu versachlichen.

Quelle

Johnston et al. (2019): Unprocessed Red Meat and Processed Meat Consumption: Dietary Guideline Recommendations From the Nutritional Recommendations (NutriRECS) Consortium. Annals of Internal Medicine 2019. DOI: 10.7326/M19-1621

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