Wie sind die Chancen der zehn deutschen Schwergewichtsprofis in 2023?

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Mit der Abschaffung des Punkterankings als Qualifikationsmöglichkeit für den Mr. Olympia 2023 mag das Teilnehmerfeld pro Klasse lediglich um drei Athleten reduziert worden sein. Doch insbesondere Bodybuildern, die bisher keinen Sieg auf einem Profi-Wettkampf einfahren konnten, hätten über diesen Weg die Möglichkeit für einen Auftritt auf der ganz großen Bodybuildingbühne gehabt. In dieser Übersicht soll es um die Olympia-Chancen der deutschen Bodybuildingprofis wie Tim Budesheim oder Emir Omeragic gehen, die 2023 in der Men’s Open ins Wettkampfgeschehen eingreifen könnten.

Wie lief 2022 für die deutschen Schwergewichtler?

Die Zeiten, in denen Deutschland mit mehreren Athleten in der Weltspitze des Schwergewichtsbodybuildings vertreten war, sind inzwischen vorbei. Auch wenn mit Urs Kalecinski und Mike Sommerfeld gleich zwei Teilnehmer die Top 5 beim Mr. Olympia in der Classic Physique knacken konnten, schauen viele Fans wehmütig auf die 2000er zurück.

Damals erreichten Schwergewichtsathleten wie Markus Rühl, Günther Schlierkamp oder Dennis James Spitzenplätze beim Mr. Olympia. Mit Dennis Wolf und Ronny Rockel knüpften zwei weitere Sportler an die Spitzenzeiten des genannten Trios an, doch in den letzten sieben Jahren gelang kein Deutscher mehr auf die vorderen Plätze in beim Mr. Olympia.

Während David Hoffmann als ehemaliger Schwergewichtsbodybuilder in der neu geschaffenen Classic Physique die deutsche Fahne beim Mr. Olympia weiterhin hoch hielt, versuchten sich in den letzten Jahren durchaus einige Schwergewichtsathleten daran, in der offenen Klasse eine Qualifikation zu erreichen. Trotz mehrere Podiumsplatzierungen auf unterschiedlich renommierten Wettkämpfen gelang jedoch bekanntermaßen niemandem ein Sieg.

Die aktuell aktiven deutschen Profi-Bodybuilder im Schwergewicht

Als Ronny Rockel zum Ende seine Wettkampfkarriere befragt wurde, wer in seine Fußstapfen treten könnte, war der damalige Profi skeptisch, was den deutschen Nachwuchs betraf. Auch wenn bisher niemand in dieselben Regionen vordringen konnte, gibt es inzwischen dennoch einige Athleten, die sich an die Weltspitze herangekämpft haben. Die Chancen auf eine Qualifikation für den Mr. Olympia sind realistisch betrachtet jedoch sehr unterschiedlich.

Tim Budesheim

Tim Budesheim hat als Amateur die klassische Bodybuilding-Karriere hingelegt. Sowohl als Junior als auch bei den Männern gewann der heutige Profi nationale und internationale Wettkämpfe, so dass er lange als größtes deutsches Talent galt. Trotz der Mehrfachbelastung aus Sport, Familie und Studium gelang dem Hessen 2017 der Gewinn der Pro Card in San Marino. Beim anschließenden Debüt noch am selben Wettkampfwochenende wurde es auf Anhieb ein vierter Platz hinter Athleten wie Brandon Curry und Hadi Choopan.

Doch der raketenhafte Aufstieg führte nicht ganz bis zur absoluten Weltspitze. Sowohl 2019 als auch 2021 scheiterte Tim Budesheim mit zweiten Plätzen nur knapp an der Olympia-Qualifikation. Die anschließende Zusammenarbeit mit Stefan Kienzl brachte nicht die erhofften Erfolge, wobei der IFBB Pro weiterhin nur positive Worte über seinen ehemaligen Coach verliert. Dennoch geht Schwergewichtsbodybuilder in 2023 einen neuen Weg.

Ob er 2023 noch Wettkämpfe bestreiten will, hielt sich Tim Budesheim bereits vor der Regeländerung bedeckt. Gleichzeitig sprach er schon immer davon, dass sein Ziel die Qualifikation mit einem Sieg sei. Wenn der IFBB Pro wieder auf seine größte Stärke, die Konditionierung, setzt, und sein Posing souverän auf die Bühne bringt, wäre ein Sieg im Schwergewicht in jedem Fall realistisch.

Emir Omeragic

Der in Bosnien geborene Emir Omeragic ist gerade einmal 23 und sammelte die ersten Wettkampferfahrungen als Junior bei der GNBF. Schon damals war das Talent des heutigen IFBB Pros zu erkennen, welches er nach seinem Wechsel in die NPC unter Beweis stellte. Nachdem er zeitweise 20 Kilogramm pro Jahr aufgebaut hatte, gewann Emir Omeragic vier Jahre nach seinem Junioren-Titel bei der GNBF die Pro Card bei der IFBB.

Mittlerweise bringt der Schwergewichtsprofi fast 140 Kilogramm auf die Waage und plant mit ca. 120 Kilogramm Wettkampfgewicht auf der Bühne zu stehen, die nachweislich konkurrenzfähig sind. Ende 2021 wurde der deutsche Profi zweiter auf der Bigman Pro in Spanien. Dass jedoch auch für den Jung-Profi die Qualifikation für den Mr. Olympia kein Selbstläufer ist, zeigte das Folgejahr, als es er sich wiederholt im Bereich der Top 5 einordnen musste.

Dennoch gilt Emir Omeragic weiterhin als eine der größten Hoffnungen im deutschen Schwergewicht. Wenn der Anfang 20-Jährige verletzungsfrei bleibt, stehen die Chancen auf eine Teilnahme beim Mr. Olympia in naher Zukunft gut.

Enrico Hoffmann

Der Wahl-Hamburger Enrico Hoffmann wechselte im letzten Jahr in die offene Klasse. Nachdem der IFBB Pro 2019 noch in der 212er angetreten war, war das Gewichtslimit nicht mehr einzuhalten, so dass er sich gemeinsam mit seinem Coach Max Madsen für den endgültigen Wechsel entschied.

Obwohl der Norddeutsche fraglos mit einer schönen Linie zu punkten weiß und ebenso wie die beiden zuvor genannten Athleten als großes Talent gilt, reichte es in der ersten Schwergewichtsaison nur für eine Top-3-Platzierung. Dass die Wettkampfergebnisse nicht zwangsläufig die tatsächliche Leistung widerspiegelten, steht außer Frage. Dennoch wird Enrico Hoffmann es mindestens so schwer haben, wie seine deutsche Konkurrenz.

Aktuell laboriert der IFBB Pro mi einem Abriss in der Bizepssehne, wobei der Heilungsverlauf insgesamt gut verläuft. Ob Enrico Hoffmann 2023 noch angreifen wird, ist noch nicht klar.

Roman Fritz

Während Enrico Hoffmann sich von der Bizepsverletzung erholen muss, unterzog sich der IFBB Pro Roman Fritz gleich zwei Hüftoperationen, nach denen die wenigsten ihm ein echtes Comeback zugetraut hätten. Doch der Süddeutsche ließ sich nie beirren und schaffte im letzten Jahr die Rückkehr auf die Bühne, welche von Höhen und Tiefen gezeichnet war.

Nachdem der Hype unter den Fans zunächst groß war und auch Roman Fritz mit gewissen Ambitionen an die Wettkampfsaison ging, waren die erste Resultate in den USA ernüchternd. Der IFBB Pro zog zunächst im Oktober die Reißleine und setzte die geplanten Wettkampfteilnahmen nicht fort, bevor er zum Ende der Saison doch überraschend zurückkehrte.

Trotz einer enttäuschenden Platzierung konnte der IFBB Pro in Rumänien mit einer deutlich besseren Form überzeugen, die er im letzten Wettkampf des Jahres in Spanien bestätigte. Dennoch reichte es letztendlich nur für einen fünften Platz. Auch wenn am Ehrgeiz und der Zielstrebigkeit kein Zweifel besteht, dürfte die Olympia-Qualifikation für Roman Fritz schwerer zu erreichen sein, als für die zuvor genannten Athleten.

Der erweiterte Kreis an deutschen Schwergewichtsprofis

Auch wenn die vier genannten Athleten bisher keine Olympia-Qualifikation erreichen konnten, ist es dennoch der Anspruch dieser Profis. Neben diesen Bodybuilder gibt es noch weitere deutsche Schwergewichtsathleten, die die IFBB Pro Card besitzen.

Dennis Reinhold

Ähnlich wie Enrico Hoffmann und Roman Fritz sind auch Dennis Reinhold ernsthafte Verletzungen nicht fremd. Der Schwergewichtsbodybuilder musste in seiner Laufbahn immer wieder ungeplante Pausen einlegen und stand zwischenzeitlich sogar vor einem Abbruch seiner sportlichen Laufbahn. Ende 2021 gelang ihm schließlich unter der Betreuung von Roland Cziurlok doch noch der Gewinn der Pro Card.

Dennis Reinhold weiß mit einer guten Linie zu überzeugen, war als Amateur aber noch zu schlank, um bei den Profis ganz vorne mitzumischen. Der inzwischen von Dennis Wolf betreute Athlet will voraussichtlich im Herbst wieder auf die Bühne und dann sein Profi-Debüt geben. Die Olympia-Qualifikation wird in diesem Jahr nicht erreichbar sein.

Adolf Burkhard

Auch Adolf Burkhard wird in absehbarer Zeit nicht das Ticket für den Mr. Olympia erreichen. Während Dennis Reinhold für einen Profi recht schlank ist, sind vor allem die Beine von Adolf Burkhard auf Weltklasseniveau. Auch der Rücken weiß in entsprechenden Posen überzeugen, doch in der Gesamtbetrachtung stört insbesondere die Mittelpartie.

Die 2018 gewonnene Pro Card nutzte Adolf Burkhard bisher nicht häufig. Aktuell hält der IFBB Pro sich in Dubai auf. Selbst wenn er 2023 erneut auf die Bühne gehen sollte, wird die Olympia-Qualifikation nicht erreichbar sein.

Kevin Gebhardt

Auch für Kevin Gebhardt ist ein Sieg auf einem Profi-Wettkampf nicht in greifbarer Nähe. Der Schwergewichtsathlet wollte ursprünglich im Frühjahr 2023 erneut auf die Bühne gehen, konnte die letzten Monate aufgrund unterschiedlicher Erkrankungen jedoch nicht so durchleben, wie er sich dies vorgestellt hätte. Erst eine schwere Bronchitis und dann eine Corona-Erkrankung warfen den IFBB Pro im Sommer letzten Jahres deutlich zurück. Sollte Kevin Gebhardt in 2023 auf die Bühne zurückkehren, wäre das Ticket für den Mr. Olympia dennoch unrealistisch.

Drei weitere Schwergewichtsprofis unter dem Radar

Neben den genannten Athleten, die aufgrund ihrer Sponsoren in der Regel noch einem größeren Kreis bekannt sind, gibt es drei weitere Profis, die im letzten Jahr für Deutschland gestartet sind. Anton Bippus wurde beim NAC zweimal Weltmeister und erlangte in 2021 überraschend die Pro Card. Bei seinem Profi-Debüt in Italien im letzten Herbst zeigte sich deutlich, dass dem IFBB Pro Masse fehlt, um weiter vorne mitzuspielen.

Gleiches gilt für Maik Ciesla. Der Jung-Profi konnte sich in Prag zwar überraschend den fünften Platz sichern, unterlag auf der Weider Classic zuvor aber noch einem Patrick Teutsch im Gesamtsiegerstechen.

Zuletzt sei Ahmed Mahmoud genannt. Der Schwergewichtsbodybuilder gewann bereits 2015 die über 100-Kilogramm-Klasse auf der Deutschen Meisterschaft des DBFVs und holte sich die Pro Card zunächst in der Classic Physique. Auf der Prague Pro 2022 kehrte Ahmed Mahmoud ins Schwergewichtsbodybuilding zurück, dürfte aber bereits im Vorfeld keine vordere Platzierung erwartet haben.

Mr. Olympia 2023 ohne deutsche Schwergewichtsprofis?

Mit Urs Kalecinski und Mike Sommerfeld hat das deutschen Profi-Bodybuilding bereits jetzt zwei Titelaspiranten, die in diesem Jahr für die Classic Physique startberechtigt sind. Darüber hinaus ist Steve Benthin fest entschlossen im Herbst seiner Karriere doch noch einen Profi-Sieg einzufahren, nachdem er daran mehrfach nur knapp gescheitert war und zweimal über das Punkteranking zum Mr. Olympia reiste.

Dennoch sehnen viele Fans einen Athleten in der Men’s Open herbei. Die goldenen Jahre, in denen gleich mehrere deutsche Profis Top-Platzierungen im Schwergewicht erreichen, mögen nicht mehr wiederkommen. Doch insbesondere Tim Budesheim und Emir Omeragic habe realistische Chancen sich in naher Zukunft mittels eines Sieges für den Mr. Olympia zu qualifizieren.

 Autor: Dr. Frank-Holger Acker | Titebild: Behance.net und Instagram der Athleten

1 KOMMENTAR

  1. Ein trauriges Gesamtbild für das deutsche Bodybuilding. Aber nicht nur dort – egal, wo wir hinsehen, ob Fußball oder andere Sportarten, ob technische Innovationen oder wirtschaftliche Leistungsfähigkeit…
    Gute Nacht Deutschland!

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