Blessing Awodibu: „The Boogieman“ im Portrait

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Viele Profi-Bodybuilder betreiben ihre Social Media-Kanäle als notwendiges Übel, weil ihr Sport kein auskömmliches Einkommen gewährleistet. Der Schwergewichtler Blessing Awodibu geht einen anderen Weg: Seine mediale Karriere steht mindestens gleichberechtigt neben seiner sportlichen. Trotz Doppelbelastung liefert er ein Gesamtpaket, das selbst auf dem Mr. Olympia für die vorderen Plätze reichen könnte.

In Speedos auf der Wettkampfbühne

Blessing Awodibu wurde 1991 in Nigeria geboren. Als er 9 Jahre alt war zog er mit seinen Eltern nach Irland, das nicht gerade eine Hochburg des Bodybuildings ist. Doch auch hier kämpfen Jungs in der Pubertät mit ihrem Körperbild. Das ist auch Blessings Geschichte. Er fühlte sich in seinem dünnen Körper nicht wohl, konnte sich aber kein Fitnessstudio leisten und baute sich einen improvisierten Kraftraum im Gartenschuppen seiner Eltern.

Obwohl Blessings unerwartet gute Fortschritte machte, betrachtete er den Sport zunächst nur als Hobby und strebte eine akademische Karriere an. Als diese misslang, setzte er alles auf die Karte Bodybuilding.

Das erste Mal stand Blessing mit 19 auf der Bühne in der Newcomer Klasse eines lokalen Wettkampfes, auf den ihn ein Freund aufmerksam gemacht hatte. Völlig unbedarft startete er in einer Speedo Badehose. Die Konkurrenz im Backstage stellte sich nicht nur in der Wahl des Outfits als derart überlegen heraus, dass er ohne die Überredungskünste seines Bruders gar nicht erst an den Start gegangen wäre. Eine Posingkür hatte er auch nicht einstudiert, doch das Publikum interpretierte seine Ahnungslosigkeit als komödiantische Einlage.

Es wurde schließlich ein vierter Platz. Komplett gedemütigt beschloss Blessing, es bei diesem einen Versuch zu belassen. Doch das gute Zureden der Kampfrichter und des anwesenden Gaststars Toney Freeman motivierten ihn zum Weitermachen.

Blessing Awodibus Weg zum Profi

Blessing Awodibu war nun bestrebt, mit dem Bodybuilding genug Geld zu verdienen, um seine Familie in Nigeria finanziell unterstützen zu können. Er stellte jedoch nach einigen Jahren im Amateurbereich fest, dass dies auf diesem Level unmöglich sein würde. Seine erste internationale Show, die Arnold Classic Europe Amateur 2014, betrachtete er als den Scheideweg seines Schicksals. Bei Misserfolg wollte er den Wettkampfsport an den Nagel hängen. Doch er wurde Klassen- und Gesamtsieger bei den Junioren und glaubte nun selbst daran, das Zeug zum Profi zu haben.

Der Durchbruch bei den Männern gelang Blessing Awodibu 2016 mit einem Arnold Classic Amateur Titel. 2017 gewann er mit den Irish Nationals, dem IFBB Diamond Cup in Tschechien und dem Diamond Cup in Portugal gleich drei Wettkämpfe, die ihm die Profilizenz einbrachten.

Blessing Awodibus Erfolge als IFBB Pro

Mit dem Profi-Debüt ließ sich Blessing dann aber viel Zeit. Erst 2021, nach fast vier Jahren Auszeit, gab er seinen Einstand auf der Indy Pro und wurde auf Anhieb Dritter. Auf der New York Pro schaffte er als sechster den Finaleinzug – eine beachtliche Leistung angesichts der hohen Leistungsdichte auf dieser Show.

2022 konnte er die Indy Pro und sogar die prestigeträchtige New York Pro schließlich für sich entscheiden. Er ist damit für den Mr. Olympia 2022 qualifiziert.

Die Fans warten gespannt auf Blessings Auftritt. Mit 110 Kilo Bühnengewicht auf 1,78 Meter zählt er nicht zu den massivsten Startern, doch sein Gesamtpaket überzeugt. Besonders sein Oberkörper besticht durch eine schöne Linie bei beeindruckender Masse. Wie es für Bodybuilder, die vor dem Einstieg ins Krafttraining sehr dünn waren, typisch ist, kommt Blessing Awodibu immer zuverlässig in perfekter Härte. Und das, so der Redcon1-Athlet, mit minimalem Diätaufwand.

Sein Talent als Entertainment lässt er natürlich auch gewinnbringend in seine Bühnenpräsenz einfließen. Nicht selten wird er hierbei mit seinem Freund Kai Greene verglichen.

Beef mit Nick Walter

Blessing gilt zwar als Sunnyboy des Bodybuildings. Dennoch ist er der Szene besonders durch einen öffentlich ausgetragenen Kleinkrieg mit Nick Walker aufgefallen.

Vor der New York Pro 2021 war es zum Beef zwischen den beiden Shootingstars der Men’s Open gekommen. Auf Instagram und YouTube überboten sie sich mit Kommentaren und Posts, auf denen sie sich gegenseitig der Lächerlichkeit preisgaben und dem jeweils anderen eine Jahrhundertniederlage prognostizierten. Die Fans und Presse nahmen diese neue Rivalität in dem zur völligen Ödnis verkommenen Bodybuilding dankbar an.

Der Titel ging dann an Walker, der Blessing auf dem erwähnten sechsten Platz eindeutig überlegen war. Die Spannung zwischen den beiden Athleten bleibt am Leben und wurde durch Blessings Titeleroberung 2022 neu befeuert. Beinah überflüssig zu erwähnen, dass es sich hierbei um eine komplett inszenierte Feindschaft handelt – wenn jemand verstanden hat, wie sich ein Hype kreieren lässt, ist es Blessing Awodibu.

Halb Sportler, halb Komödiant

Blessing Awodibu war schon ein Star in den Sozialen Medien, bevor er Titel auf den großen Bühnen des Bodybuildings einfahren konnte. Dass er ein ernstzunehmender Sportler ist, wissen laut eigener Aussage 50 Prozent seiner Follower bis heute gar nicht. Und von denen hat er reichlich.

Berühmt wurde er unter anderem durch Gym-Parodien. Die professionelle Präsenz baute er in der langen Wettkampfpause zwischen dem Gewinn seiner Pro-Card und dem ersten Profi-Wettkampf auf. Sein Ziel, der nigerianischen Familie unter die Arme greifen zu können, dürfte er erreicht haben.

Blessing Awodibu ist nicht der erste Bodybuilder, der nebenbei im Showbusiness aktiv ist. Und wie alle seine Vorgänger muss auch „The Boogieman“ darum kämpfen, als Sportler ernst genommen zu werden. Doch dass er Wettkämpfe nicht zu Werbezwecken für seine Comedy-Kanäle nutzt, ist unübersehbar. Blessing hat hart an sich gearbeitet und es wird spannend sein zu sehen, was er in Las Vegas auf die Bühne bringen wird. Er hat große Ziele: Perspektivisch will er nicht nur Walker hinter sich lassen, sondern alle Rivalen.

Autorin: Ulrike Hacker | Titelbild: Instagram, Instagram & Instagram

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